Schönes Katalonien – Der LK Geografie erkundet Barcelona…


Sonntagnachmittag des neunten Juli: Treffpunkt in der Abflughalle in Schönefeld. So langsam trudeln alle mitsamt ihrer Köfferchen und voller Erwartungen auf die nächsten Tage ein. Hat da jemand etwa nicht richtig gelesen und einen großen Koffer statt des vorgeschriebenen Handgepäcks dabei? – Was soll`s? Der Rucksack schluckt den Großteil des Nötigsten und der Rest wird auf die Gepäckstücke anderer verteilt. Große Verabschiedung der Eltern, Freunde… blablabla… Man kennt das alles. Auf geht’s in den Flieger. Die Flugzeit beträgt zwei Stunden und zehn Minuten. Voraussichtliche Ankunft im katalonischen Barcelona: 19:00 Uhr.

Als sich die automatischen Türen der unterkühlten Ankunftshalle des Flughafens öffnen, schlägt uns die warme spanische Sommerluft entgegen. Der Bus zur Metro wartet schon auf uns. Die Preise lassen uns für einen kleinen Moment stocken. Fast sechs Euro für ein paar Minuten Busfahren. Aber irgendwie müssen wir ja in die Stadt kommen. Nico und Paul führen uns durch die noch unbekannten Straßen zur Residencia Erasmus Gracia, wo wir die nächsten Tage verbringen sollen. Geschafft vom Flug und dem ungewohnten Klima (Wo bleibt der Berliner Sommer?), kommen wir nach der Fahrt mit der Metro durch die Katakomben Barcelonas und einem kleinen Fußmarsch endlich in unserem Hotel an. Wir haben alle Hunger und nachdem wir unser Gepäck auf die Zimmer gebracht hatten, machen wir uns auf zum „benachbarten Restaurant“, wo wir unser Abendmahl einnehmen sollten. Wie sich herausstellt, ist es noch gut einen Kilometer zu laufen, bis wir das köstliche Buffet des FresCo genießen dürfen. Es gibt Salate in allen Variationen, Pizza, Paella, Nudeln mit Tomatensauce und zum Nachtisch Eis und Früchte. Das Besteck klappert, hungrige Mäuler werden gestopft und erwartungsvolles Geplapper erfüllt das cafeteriaartige Restaurant.

Doch schon am ersten Abend tritt das ein, wovor jeder in Spanien warnt: ein Mann, der Werbung macht, ein Flyer und gleich darauf ist das Portemonnaie, das soeben noch auf dem Tisch lag verschwunden. Große Aufregung. Kann jemand den Kerl beschreiben? Noch am selben Abend geht es zur Polizei, während alle anderen schon mal ein wenig die Stadt erkunden. Die Kamera hat den Mann aufgezeichnet und in den nächsten Tagen wird es eine Gegenüberstellung geben. Aber das hilft nichts, denn das Portemonnaie ist weg und der Gang zur deutschen Botschaft bleibt uns nicht erspart.

Nach ein paar wenigen Stunden Schlaf und einem bescheidenen Frühstück stürzen wir uns voller Erwartungen in den ersten Tag. Zunächst geht es auf zu den Ramblas, benannt nach der ehemaligen Abflussrinne, die früher das Schmelzwasser aus den Bergen ins Meer geleitet hat. Heute ist sie die bekannteste Straße der Stadt. Viele der Straßen hier sind verziert von prächtigen Fassaden, die vom berühmtesten Architekten Barcelonas entworfen wurden. Antoní Gaudí lebte dort von 1852 bis er 1962 von einer Straßenbahn überfahren wurde. Eines der bekanntesten Gebäude ist das Casa Milà, welches er für gleichnamige Familie entwarf. Sein Stil ist von Natürlichkeit geprägt, das Haus soll wie aus einem Fels gehauen wirken, gusseiserne Ranken bilden die Balkongeländer. Das Ende der Ramblas bildet der riesige Hafen der Stadt. Er ist der siebtgrößte Containerhafen Europas und bildet einen wichtigen Handelsknotenpunkt. Nach einer Mittagspause, die die meisten im gekühlten Shopping-Center am Hafen verbracht haben, geht es weiter ins Jüdische Viertel, dem El Call. Durch schmale Gässchen wandernd lauschen wir Tim und Toms Erzählungen. Schon zur Römerzeit soll es hier Juden gegeben haben, aber auch hier blieben sie vom Gemetzel der Verfolgungen nicht verschont. 1424 mussten alle jüdischen Familien die Stadt verlassen. Heute leben aber wieder um die fünftausend Menschen jüdischen Glaubens in Barcelona.

Auf dem Weg durch die verwinkelten Gassen werden meine Blicke immer wieder von wunderschönen Hinterhöfen und Hausfluren angezogen, die sich hinter verglasten Haustüren verstecken. Überall sehe ich kleine Läden und Cafés, in denen die Einheimischen abseits der Touristen plaudern. Bei all den entzückenden Dingen, die es zu kaufen gibt, leeren sich unsere Geldbeutel schnell. Gerade das mediterrane Essen hat es den meisten angetan. Schon jetzt sind wir über zwanzig Kilometer gelaufen, aber wir lassen uns nicht unterkriegen und nach dem Abendessen machen sich einige nochmal auf den Weg zum Strand. Wir wollen endlich das kühle Nass genießen. Wozu sind wir denn ans Meer gefahren? Die Erfrischung tut gut nach dem langen Tag, aber es wird schon langsam dunkel und wir spazieren nur noch ein wenig die Promenade entlang, bevor wir uns auf den Rückweg begeben. Wie sich herausstellt, haben wir uns weiter vom Hotel entfernt als gedacht und auf den letzten Metern müssen wir uns ziemlich beeilen, damit wir es noch rechtzeitig zur Sperrstunde in unsere Unterkunft schaffen. Der Kilometerzähler zeigt am Ende des Tages 30,1 Kilometer an.

Pünktlich um neun des nächsten Morgens treffen wir uns in der Lobby. Auf in den nächsten Tag. Als erstes geht’s steil bergauf zum Park Güell. Heute bin ich dran. Im Schatten einiger spärlicher Palmen erzähle ich zusammen mit Leon die Geschichte des Parks. Ende des 19. Jahrhunderts ließ Gaudí hier im Auftrag von Güell einen märchenhaften Park mit von Säulen getragenen Terrassen und verschlungenen Wegen erschaffen. Ursprünglich plante er, das Wohnen mit der Natur in Einklang zu bringen, es fanden sich jedoch kaum Interessenten für die 60 geplanten Villen über den Dächern Barcelonas und so wurden nur zwei Häuser errichtet. Es geht den Hügel wieder hinab und durch die halbe Stadt weiter zur Sagrada Familia. Seit 1882 wird diese Kirche im Herzen Barcelonas gebaut. Auch hier führt Gaudí bis zu seinem Tod die Aufsicht. Seine Anordnung, die Kirche immer nach dem Zeitgeist zu bauen, fordert die Architekten der folgenden Generationen immer wieder aufs Neue heraus. Die geplante Fertigstellung ist für 2026 vorgesehen, Gaudís hundertstem Todestag. Durch die glühende Mittagshitze machen wir uns auf den Weg zum Picasso Museum. Der Gedanke daran lässt mein kleines Künstlerherz höher schlagen. Ich bin fasziniert von der Wandlung, die Pablo Picasso in seinen Werken durchlebt. Während er zunächst sehr realistisch malt, werden seine späteren Werke immer abstrakter und lebendiger. Ein Bild hat es mir besonders angetan: Mujer con Mantilla (Frau mit Schleier) von 1917. Der Blick aus ihren zwei verschiedenfarbigen Augen fesselt mich. Das Museum umfasst einen Großteil der 50 000 Werke, die Picasso als Maler, Grafiker und Bildhauer von seiner Geburt 1881 bis zu seinem Tode 1973 erschaffen hat. 1963 wurde es unter Picassos Beisein eröffnet. In der anschließenden Pause genieße ich mit einigen anderen ein schrecklich teures Mittagessen auf den Ramblas und beobachte das bunte Treiben der Menschen aus aller Welt. Unseren geschundenen Füßen wird nur eine kleine Verschnaufpause gegönnt, denn es geht schon bald wieder treppauf auf den Montjuïc. Oben angekommen werden wir mit einem herrlichen Ausblick über Barcelona belohnt. Von hieraus führt die Seilbahn 1 292 Meter hinab zum Hafen. Sie wurde anlässlich der Weltausstellung 1929 errichtet. Noch weiter den Berg hinauf steht das um 1640 erbaute Castel Monjuïc. Es sollte die Kontrolle über Barcelona sichern. Erst seit den Olympischen Spielen 1992 ist es auch der Öffentlichkeit zugänglich. Es geht den ganzen Berg wieder hinunter. Erschöpft von dem langen Fußmarsch in der spanischen Hitze kommen wir wieder im Hotel an. Zum Baden hat heute keiner mehr Lust.

Glücklicherweise haben wir am Mittwoch nur noch zwei Stationen abzuarbeiten. Das Camp Nou, die Heimat des FC Barcelonas und mit Platz für fast 100 000 Zuschauer das größte Fußballstadion Europas und das größte Vereinsstadion der Welt und das Olympiastadion. Hier heißt es wieder: schwingt die Hufe, es geht treppauf! Die vereinzelten Rolltreppen auf dem Weg nach oben bilden einen komischen Anblick. Leider funktionieren viel zu viele nicht und oben angekommen freuen wir uns alle schon wieder auf den Strand. Doch zunächst versammeln wir uns alle um Oskar, der uns über das Estadi Olimpic Lluis Companys berichtet. Dieses ist ein Fußball- und Leichtathletikstadion mit knapp 56 000 Plätzen, es wird aber auch für Konzerte und anderen Events benutzt. Da die Füße mit jedem Tag schneller schmerzen, sind wir froh, dass wir nun für den Rest des Tages frei haben und alle schwärmen aus zum Strand oder zur letzten Shopping-Tour. Erfrischt vom Meer und mit den letzten Mitbringseln in der Tasche treffen wir uns am Abend zum letzten gemeinsamen Abendbrot im FresCo. Ich lasse den lauen Sommerabend auf der Dachterrasse unseres Hotels ausklingen und bringe schon mal in Erfahrung, was der Rest des Jahrgangs auf ihren Fahrten anstellt. Wir werden die ersten sein, die Berlin wieder erreichen.

Nach einer viel zu kurzen Nacht treffen wir uns am Donnerstagmorgen zum letzten Mal in der Lobby. Alle Koffer sind gepackt und ein wenig schwerer als noch drei Tage zuvor. Vollgepackt mit Erinnerungen an eine ereignisreiche Woche machen wir uns auf den Weg zum Flughafen. Unser geliebtes Berlin empfängt uns wenige Stunden später mit grauem Himmel und kühlen Temperaturen. Ach ja… Was haben wir dich vermisst.

Helene Witte Q2, Berlin 2017