Kurzgeschichten aus dem Deutschunterricht der Klasse 8b

Ein stummer Zufall

Er stieg dazu, zu der Zeit träumte sie wieder davon. Es war ein unruhiger Schlaf, aber aufwecken konnte man sie natürlich nicht mit dem Geräusch von ihm, der sich ihr gegenübersetzte. Nach einer Weile sprach er sie an, aber sie hört ihn natürlich wieder nicht. Nachdem er es lange versucht hatte, hörte er auf und setzte sich weg. Er dachte, sie ignoriert ihn. Sie wachte kurz danach auf und wusste von nichts. Am nächsten Bahnhof stieg sie aus und lief zu ihrer Ohrenarztpraxis. Sie war nach dem Unfall jede Woche einmal hier gewesen. Jetzt aber nur noch einmal im Monat. Auch er lief zu der Praxis, nur aus einem anderen Grund. Beide wussten vom jeweils anderen nichts. Sie setzte sich in den Warteraum. Er ging seinen Verpflichtungen als Arzthelfer nach. Er wusste, dass er jetzt eine gehörlose Patientin durchchecken sollte. Erlief in den Warteraum. Er suchte mit den Augen nach ihr. Er erkannte sie.

Perle der Hoffnung

Weiß. Wie eine unschuldige Seele. Beschrieben mit schwarzer Tinte, die nie mehr wegzuwischen ist. Ein Blatt. Verschandelt mit dem Hass der Menschen um sie herum. Sie konnte die Worte der Ablehnung ihrer selbst kaum noch erkennen durch das Tränenmeer, das drohte, sie langsam zu ertränken. Die Verzweiflung über nie ankommende Anerkennung fraß sie auf. Sie saß gekrümmt neben der ebenholzfarbenen Tür, die Arme um ihren, vor geistiger Folter zitterndem Körper geschlungen. Trotz ihrer Stille zerreißenden Schluchzer nahm sie das bekannte Rascheln von Papier wahr. Ihr tränenverschwommener Blick driftete auf das dunkle Parkett neben ihren immer noch vor Trauer bebenden Körper. Ein weiterer Brief. Womöglich gefüllt mit weiteren hasserfüllten Worten.

Plötzlich packte sie die unbändige Wut auf die anonymen Verfasser der unzähligen Nachrichten der Abneigung. Geleitet von Verbitterung griff sie nach dem säuberlich gefalteten Papier durch ihre unbegreiflichen Schmerzen hindurch, keimte der Gedanke der Zerstörung. Kurz vor der Vernichtung des Schriftstücks erfassten ihre Augen ein neues Detail. Ein Herz. Fein säuberlich auf die Rückseite der Mitteilung gezeichnet. Trotz ihrer Stimmen, welche versuchten, sie davon abzubringen, brachte ihre Neugierde sie zu der Überlegung den unbekannten Brief zu öffnen. Nach minutenlangem Hadern und Zögern nahm sie all ihren noch vorhandenen Mut zusammen und öffnete die Fremde Niederschrift. Ihre Augen drohten, wieder wässrig zu werden, doch diesmal nicht aus Trauer, sondern aus schierer Freude, verursacht durch die Worte der anonymen Botschaft. Worte der Anerkennung. Worte der Akzeptanz, ein Gefühl von Geborgenheit durchbrach ihre trostlose Fassade. Eine einzelne Träne rollte ihre blasse Wange herab.

„Schätze die Leute, die du liebts. Denn jeder hat es verdient, bewusst geliebt zu werden.“

Feige

Hans wurde in der Schule das erste Mal verprügelt. „Was für eine Scheiße, warum ich? Wenn die nur wüssten!“ sagt sich Hans immer wieder. Gerade wurde er auch noch von seinen „Freunden“ beleidigt, dass er schwach, dumm und behindert ist. Hans läuft jetzt durch den Raum und überlegt, was er macht. Er kann es nicht seinen Eltern sagen, denn das ist feige und nicht mutig. Dazu liegt sein Vater noch im Krankenhaus mit Krebs. Er überlegt sich wieder, was er machen kann. Zur Lehrerin? Nein! Zum Schulleiter? Nein! Zur Polizei? Definitiv nein! Denn all das ist ja feige. Er muss das selbst klären, denkt er sich. Aber wie? Konfrontation mit dem anderen Jungen? Nein! Sonst kriegt er noch eine rein! Sich mit anderen zusammentun? Nein! Dafür hat er zu wenig Freunde! Er hat doch dieses Springmesser gefunden! Nein…wobei? Danach würde jeder vor ihm Angst haben! Nein! Das kann er nicht machen, sonst kommt er noch in den Knast! Er überlegt weiter.

Ihm fällt nach zwei Stunden immer noch nichts ein. Doch dann plötzlich klingelt sein Handy! Unbekannt! „Hmmm…!“ denkt sich Hans, „wer kann das wohl sein?“ Er geht ran! Keiner spricht…er fragt, wer dran ist. Es erklingen zwei Stimmen. Irgendwoher kennt er eine davon, denkt er sich. Die beiden Stimmen sagen: „Wenn du irgendjemand von dem erzählst, was heute in der Schule passiert ist und keine 150 Euro in die Hermannstraße 46 bringst, bringen wir dich um!“ Hans schreckt zurück und legt auf! Jetzt weiß er, wer eine der Stimmen am Telefon war! Es war der Junge, der ihn verprügelt hatte. Jetzt weiß er, was er tun muss! Er weiß, wo der Junge wohnt! Er nimmt sein Springmesser und geht los.